Ist schlank gleich gesund?

Dick gleich krank. Was heute oft allgemein angenommen wird, hat man bei uns nicht immer so gesehen. In den Nachkriegsjahren galt Körperfülle noch als Zeichen des neuen Wohlstands. Erst als Übergewicht und die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erstmals wissenschaftlich in Zusammenhang gebracht wurde, wendete sich das Blatt. Eine Anfang der 50er Jahre in den USA erhobene Studie zeigte, dass Übergewichtige im Schnitt eine um drei Jahre geringere Lebenserwartung hatten als Normalgewichtige. Was normal ist und was nicht, bestimmten die Forscher nach dem sogenannten Body Mass Index (BMI) – also der Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße. Ein BMI bis 24 gilt als normal, unter 18,5 als untergewichtig, und ein BMI über 25 bedeutet Übergewicht. Ab einem BMI über 30 spricht man gar von Fettleibigkeit. Das Schönheitsideal wandelte sich. Schlankheits- und Fitnesskampagnen folgten. Heute lebt fast eine ganze Generation nach dem Leitsatz „je dünner, desto besser“. Doch seit Kurzem zeigt sich: „besser“ bedeutet nicht unbedingt auch „gesünder“.

Immer mehr Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Mollige tatsächlich gesünder, fitter und langlebiger sein können als schlanke Menschen.

Eine Studie aus den USA mit über zwei Millionen Teilnehmern zeigt, dass Menschen mit leichtem Übergewicht im Vergleich eine um bis zu 6% geringere Gesamtmortalität als normalgewichtige Menschen aufweisen, das heißt, – alle Todesursachen zusammengenommen – starben in einem definierten Zeitraum bezogen auf eine definierte Population 6% weniger Über- als Normalgewichtige. Auch deutsche Forscher stellten fest, dass schlanke Patienten auf Intensivstationen weniger häufig überleben als übergewichtige Patienten. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass leicht übergewichtige Menschen gerade langwierigen Erkrankungen wie Krebs oder Infektionen mehr entgegenzusetzen zu haben. Hinzu kommt, dass Mollige belastendem Stress und psychischem Druck offenbar besser gewachsen sind. Aktuelle Studien geben zudem Hinweise darauf, dass Menschen, die ein paar Kilos zu viel auf die Waage bringen, nicht nur länger leben, sondern auch seltener an Alzheimer und Parkinson erkranken als Schlanke.

Als alleinige Determinante für riskantes Übergewicht hat der BMI also offenbar ausgedient.

Er hat nämlich vor allem ein Handicap: er berücksichtigt nicht die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe. Doch gerade hier liegt die Krux. Denn Menschen, die viel Sport treiben, können einen BMI im Übergewichtsbereich haben. Die einfache Erklärung: Muskeln wiegen mehr als Fett. Diese Menschen sind aber möglicherweise gesünder als Zeitgenossen, die einen BMI von 22 haben und keinen Sport treiben.

Zusätzlich kommt es auf die Fettverteilung in unserem Körper an: Bauchspeck ist gefährlich, weil er nachweislich das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Arteriosklerose erhöht. Weitestgehend unbedenklich in diesem Zusammenhang sind jedoch die Pölsterchen um Hüften, Po und Oberschenkel.

Des weiteren sieht man ungesundes Fett mitunter nicht von außen. Gerade verstecktes Körperfett an inneren Organen, wie z.B. der Leber, kann krank machen und beispielsweise zu Diabetes führen. Schlank heißt also nicht unbedingt gesund. Denn: Auch schlanke Menschen können einen zu hohen Anteil an Körperfett aufweisen, wenn die Bewegung fehlt. Ein weiteres Phänomen unserer Zeit: Die Risikogruppe der sogenannten “schlanken Kranken“.

Und dann wären da noch unsere Gene: Forscher untersuchten kürzlich die Erbanlagen von 76.000 Menschen. Das erstaunliche Ergebnis: Ein und dasselbe Gen sorgt einerseits für einen geringen Körperfett-Anteil – und wird andererseits in Zusammenhang gebracht, die Entstehung von Herzkrankheiten und Diabetes zu fördern. Bei manchen Menschen ist das Risiko an einer solchen Krankheit zu erkranken also erhöht – ganz gleich, ob sie dick oder dünn sind. Die Forscher warnen jedoch davor, die Gene alleinverantwortlich für die Gesundheit zu machen. Zwar würden sie für bestimmte Krankheiten empfänglich machen, jedoch spiele der eigene Lebenswandel ebenfalls eine große Rolle.

Wie so oft gilt also: Gesundheit ist mehrdimensional. Wer gesund sein möchte, muss an diversen Stellschrauben drehen – Ernährung und Bewegung sind dabei die wichtigsten Faktoren mit dem größten Einfluss auf unsere Gesundheit. Vor allem aber kommt es auf die „inneren Werte“ an.
Dünne Menschen können also durchaus kränker sein als fülligere. Menschen mit etwas Übergewicht sind keinesfalls automatisch kränker als Dünne – im Gegenteil: manchmal sogar widerstandsfähiger.