Arzt vs. App

 

Der allgegenwärtige Begleiter des Menschen – das Smartphone – zählt Schritte, berechnet den Kalorienverbrauch, misst den Blutdruck und erinnert an die Einnahme von Medikamenten. Gesundheits-Apps für den Privatbereich sind auf dem Vormarsch und auf dem beliebten iPhone mittlerweile sogar vorinstalliert. Weit mehr als 100.000 Apps zu den Themen Gesundheit und Medizin existieren bereits.
Es stellt sich also die Frage: Kann mein Handy mittlerweile den Arztbesuch ersetzen?

Ganz klar: Nein.
Apps können allenfalls grobe Auffälligkeiten entdecken. Das gilt vice versa. Einerseits können Verdachtsdiagnosen einen Patienten in unbegründete Panik versetzen. Wer sich andererseits auf eine positive Diagnose durch die Medizin-App verlässt, stellt im schlimmsten Falle seine Gesundheit aufs Spiel. Eine konkrete und eindeutige Diagnose kann und darf nur von einem Arzt gestellt werden.
Beispiel: Hautkrebs-Früherkennung. Hierbei werden Leberflecken mit dem Smartphone fotografiert. Diagnose-Apps evaluieren dann die Wahrscheinlichkeit für Gut- oder Bösartigkeit. Doch die Qualität der Bilder erwies sich einer amerikanischen Studie zufolge als fehlerhaft. Die App mit der vermeintlich besten Bilderkennungssoftware stufte knapp ein Drittel der gefährlichen Melanome als harmlos ein. Eine lebensbedrohliche Fehldiagnose.

Einige Apps haben durchaus Potenzial.
Doch es gibt auch positive Beispiele. Anwendungen, die der Dokumentation dienen – also weder Diagnosen stellen, noch Therapien vorgeben – werden teilweise sogar als sinnvoll eingestuft, denn sie bergen das Potenzial, den Patienten zu mehr Selbstkontrolle zu erziehen. Die hohe Nachfrage nach Gesundheits-Apps oder auch Fitnessarmbändern, sogenannten Wearables, zeugt an sich schon vom Bedürfnis, die eigene Gesundheit aktiv in die Hand nehmen zu wollen. Wer sich mit seinem Körper beschäftigt – Kalorien berechnet, den Blutzuckerspiegel überwacht oder Migräne-Tagebuch führt – stärkt sein Selbstmanagement. Relevante Daten können schnell und einfach erfasst, Arztbesuche verwaltet werden. Die Dokumentation nützt in diesem Falle dem Patienten – und auch dem Arzt. Ein Restrisiko bleibt. Dr. Jan Stritzke, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und stellvertretender ärztlicher Direktor am Lanserhof Tegernsee: „Grundsätzlich können solche Apps das Bewusstsein für die eigenen Ressourcen und die eigene Gesundheit stärken. Verlassen möchte ich mich auf die generierten Daten jedoch nicht zu 100%. Vertrauen mag gut sein, in diesem Falle ist Kontrolle aber besser.“

Es mangelt an Qualität.
Es gibt sie, die seriösen Gesundheits-Apps. Doch wie lassen sich diese erkennen?

- Prüfsiegel
Prinzipiell kann jeder eine App erstellen. Die Auflagen und Kontrollen für echte Medizinprodukte sind jedoch hoch. Nur wenige der mobilen Anwendungen erfüllen den Mindeststandard für medizinische Geräte und Produkte. Staatliche Prüfsiegel wie die CE-Kennzeichnung schaffen hier mehr Vertrauen.

- Anbieter
Gibt sich der Anbieter zu erkennen, indem z.B. ein Link zur Website und/oder zu den Kontaktdaten des Anbieters führt, ist das ein gutes Zeichen.

- Quellen
Machen App-Betreiber keine Angaben, woher sie ihre Informationen beziehen, besser die Finger davon lassen.

- Datenschutz
Persönliche, gesundheitsbezogene Daten sollten besonders geschützt werden. Fehlt eine Datenschutzerklärung oder bleibt unklar, was mit den anvertrauten Daten passiert, sollte man nach Alternativen suchen.

Welche Erkenntnis bleibt also? Mit der eigenen Gesundheit sollte man nicht spielen. Je transparenter und umfangreicher zu Inhalten, Nutzen, Verlässlichkeit, Quellen und Datenschutz informiert wird, desto vertrauenswürdiger kann die Gesundheits-App grundsätzlich eingeschätzt werden. Für das Protokollieren von Gesundheitsdaten mögen die Apps sinnvoll sein, Interpretation und Behandlung müssen jedoch weiterhin einem Arzt vorbehalten sein.
Von Mensch zu Mensch.